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zeitlupe / continuous present
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Das eigentlich faszinierende am Film war die Möglichkeit ihn schneller
oder langsamer laufen zu lassen. Mehr noch als das OFF weist die
Zeitlupe auf den Abgrund hin, und spielt in einer subrealen,
parallelen Zwischenwelt. Wir lachen über die langsamen Bilder, aber
eigentlich ist es ein Gruseln (wenn wir den Ton mit verlangsamen,
entsteht das Geräusch des Ertrinkens). Umgekehrt verleiht sie Macht und
Kontrolle über fremde Körper: Der Tennislehrer kontrolliert die
Beinarbeit und der Ingenieur kontrolliert seinen Dummy beim Crash-Test
– in der Zeitlupe. Die gleichförmige Bewegung der Zeit ist der
blinde Fleck im Denken, die stillschweigende Verabredung vor jedem
Wort. Der Kinematograph war die perfekte Maschine, denn er produzierte
nichts außer der Behauptung, die Wirklichkeit selbst laufe mit
gleichförmiger Geschwindigkeit ab. Die Zeitlupe liefert uns anscheinend
den Beweis, daß auch bei geringerer Geschwindigkeit der Zeit, die
Kontinuität gewahrt bliebe. Doch gerade die perfekte Maschine stößt die
Türe zur eigenen Selbsterkenntnis auf: Der Kinematograph erkennt sich
selbst – so wurde Kino geboren. Die Filmemacher waren fortan Priester
und Gralshüter der Kontinuität; sie hatten die Mittel der Wirklichkeit
und des Abgrundes in der Hand. Jean Cockteau´s Orphée tritt durch den
Spiegel in die Unterwelt ein und kehrt später zurück, ohne daß Zeit
vergangen zu sein scheint (ebenso Alice in Wonderland). Die Pforte zur
Unterwelt liegt also nicht zwischen zwei frames, sondern in einer
Abzweigung der Zeit. Ton, Sprache, Fotografie – nichts ist unnachahmlich, eigentlich und wesentlich beim Film, außer der Zeitlupe. Christoph Keller
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