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archives as objects as monuments
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Ich bin auf dieses Panel mit dem Titel "Die Ordnung der Archive"
eingeladen worden, denke ich, um von meinen konkreten Erfahrungen mit
dem Material und der Ordnung des Filmarchivs der Charité und anderen
wissenschaftlichen Filmarchiven, die ich untersucht habe, zu berichten.
Bevor ich aber dieses Anschauungsmaterial vorstelle, möchte ich eine
Unterscheidung zur Diskussion stellen. In einem Text hatte ich
geschrieben: "Ein Archiv ist eine beliebige Teilmenge der Welt.
Umgekehrt lässt sich jede Ansammlung von Dingen als Archiv begreifen."
Wolfgang Ernst hat dem natürlich energisch widersprochen, weil es ihm
ja um die Ordnung der Archive geht. "Ein Archiv ist <k!>eine
beliebige Teilmenge der Welt", sondern eine hochkodierte und
non-arbiträre Form der Speicherung...". Für mich sind Archive aber
nicht nur das, was sie sind, also kodierte Daten, sondern auch das, als
was wir sie anschauen, also Objekte und möglicherweise sogar Monumente.
Auf das Charité-Projekt kann ich aus Zeitgründen hier nicht
im Detail eingehen. Nur so viel: An der Charité in Berlin sind zwischen
1900 und 1990 ca. 1000 Lehrfilme, Aufklärungsfilme und
wissenschaftliche Dokumentarfilme hergestellt worden. Diese Filme sind
aber nie wirklich gesammelt worden, sondern lagern, sofern sie nicht
verschollen sind in diversen Archiven verstreut. Es gab also weder ein
Archiv noch eine Vorstellung von der kontinuierlichen, lokalen
Medizinfilmgeschichte, die das Jahrhundert quasi mit wissenschaftlichen
Lehrfilmen begleitet. Ich habe dann, um dieses Bild der Geschichte der
medizinischen Filme der Charité überhaupt erst zu erzeugen ein
chronologisch geordnetes Archiv von Charité-Filmen 1996 im Netz
veröffentlicht. Später ist daraus der "Archiv-Film" "retrograd – eine
Geschichte der medizinischen Filme der Charité 1900-1990" entstanden.
Mit dem Archiv der Charitéfilme hatte ich also, ein Archivobjekt
hergestellt, das, um mit Wolfgang Ernst zu sprechen möglicherweise auch
eine "hochkodierte und non-arbiträre Form der Speicherung" ist, aber
zusätzlich auch immer ein Bild von sich selbst erzeugt. Als Künstler
interessiert mich natürlich die Idee von diesem Bild. (Ein Bild ist,
allgemein gesagt, immer eine Reduktion von mehrdimensionalen oder
zumindest komplexen Zusammenhängen auf ein zweidimensionalen Fläche,
die von anderen wieder als Bild für einen Zusammenhang wahrgenommen
werden kann.) Bei der Recherche der Charitéfilme bin ich dann
eine Reihe von weiteren Archivobjekten gestoßen, die ich in der Arbeit
"Archives as Objects as Monuments" vorgestellt habe. Der Titel bezieht
sich auf eine Arbeit von Robert Smithon "The Monuments of the Passaic:
Has Passaic replaced Rome as the eternal City?" (1967) in der Smithon
versucht, industrielle Hinterlassenschaften so zu betrachten, wie die
Ruinen des Römischen Imperiums: Als Monumente. Der Unterschied besteht
aber darin, das Archive nicht alleine aus ihrer äußeren Architektur und
ihren Dokumenten bestehen, sondern gleichzeitig sozusagen kulturelle
Objekte sind, Objekte des Wissens und seiner Benutzung. Der Grund,
warum man jetzt versuchen kann wissenschaftliche Filmarchive als
Monumente zu begreifen, liegt darin, daß ihre Geschichte gerade zuende
gegangen ist. Weil sie, obwohl sie zum Teil noch zugänglich sind, ihre
eigentliche Bestimmung überlebt haben, also neu geordnet bzw.
betrachtet werden können, als Ruinen oder als Monumente - und
möglicherweise als Ausgangsmaterial für digitale Archive. Das
zweite Archivobjekt ist kein Archiv im eigentlichen Sinn sondern der
Rest einer bestimmten Anzahl von wissenschaftlichen Filmen eines
geheimen Eugenik-Filmprojekts der Nationalsozialisten das u.a. an der
Charité hergestellt wurde. Die Filmmaterialien wurden als die Rote
Armee 1945 in Berlin einrückte von Angehörigen der SS im Stössensee bei
Spandau versenkt. Von dem Projekt ist wenig bekannt, da kaum
Aufzeichnungen archiviert sind. 1993 fanden Kinder beim Baden im
Stößensee Filmschnipsel auf denen medizinische Versuchspersonen aus der
betreffenden Zeit zu sehen waren. Das Bundesfilmarchiv ließ tauchen und
brachte 160 Filmrollen vom Seegrund hervor, von denen 10, wie durch ein
Wunder noch in teilen Bilder enthielten und drei Filme sogar noch
abspielbar waren. Einer davon zeigt einen nakten Mann, der auf fremden
Geheiß hin bestimmte Bewegungen macht. Mehr können wir nicht mehr
erkennen. (FILMBEISPIEL) Die Geschichte dieser Materialien
ist wie sie selbst, nicht wieder herzustellen. Übriggeblieben sind ein
paar Bilder, die für ihre verschollene Geschichte stehen. Man kann sich
anhand von solchen Bildern fragen, was diese Bilder in einem digitalen
Bildarchiv für eine Bedeutung erfahren würden. Vermutlich keine, außer
der, durch die verwaschene, zerstörte Emulsion zu den
mittelgrauwertigen, ohne zuordbare Bildinhalte gehörigen Bildern zu
gehören. Diese Bilder sind für mich ein extremes Beispiel dafür, wie
Bilder nicht nur für sich selbst stehen, sondern verknüpft sind mit
ihrer Geschichte bzw. ihrer Bedeutung. Das Bundesfilmarchiv,
das die Hebung des Filmmaterials veranlasste, beherbergt in
Berlin-Wilhelmshagen in Tiefbunkern fast eine Million Filme aller
Kategorien vom Beginn der Filmgeschichte an bis heute. Dort ist man mit
Fragen eines zukünftigen digitalen Filmarchivs sehr vertraut und
diskutiert viele der Fragen, die auch hier zur Sprache kommen: Wie kann
ein Transfer der unterschiedlichen Materialformate vonstatten gehen und
auf welchen Trägern. Macht es Sinn, davon auszugehen, daß in 50 Jahren
zum Beispiel DVDs noch geeignete Speichermedien sind? Werden wir dann
noch über die geeigneten Geräte verfügen? Da geht es um die Frage, wie
der Bild oder Filmschatz überhaupt in ein digitales Medium transferiert
werden kann. Um zu verdeutlichen, welche Probleme bei dem Versuch der
Umwandlung eines sehr umfangreichen Filmbestandes entstehen, möchte ich
ein Interview anführen, das ich mit dem technischen Leiter des BFA,
Herrn Brandes geführt habe. Es geht um den "zwischenarchivischen
Bereich". Das sind jene Filmrollen, die im Bundesfilmarchiv eintreffen,
aber zunächst nicht im eigentlichen Sinn archiviert werden können. Wenn
der Filmtitel auf der Filmdose steht, dann wird er aufgenommen, mehr
jedoch nicht. Dann sagt er, daß zwei Drittel des Gesamtbestandes (von 1
Mio Filmen) zu diesem zwischenarchivischen Bereich gehören und das
dieser Anteil ständig anwächst. (im BFA nennt man das "die Schere".)
Ich frage Ihn, wie lange es dauern würde, all die Filme des
zwischenarchivischen Bestandes zu archivieren. Und er antwortet: Wenn
ab heute keine Neuzugänge mehr eintreffen würden, und wir uns
ausschließlich um die Archivierung des Altbestandes kümmern könnten –
vielleicht - dreißig Jahre... Dann frage ich Ihn, wie lange denn das
Filmmaterial sich durchschittlich hält? Er sagt, das sei
unterschiedlich, (manche Filme zersetzen sich kaum, andere auch jüngere
Filme fallen dem Azetatfraß anheim). Wenn er schätzen müßte – im
Durchschnitt vielleicht dreißig Jahre. Bedeutet das, daß das
Archivprojekt selbst jeweils ein kulturell vergängliches ist, und die
Ordnung der Archive eine Friedhofsverwaltung der archivierten
Materialien? Zwischen den Bildern und Ihrem Sinn oder Wert besteht
offenbar ein Zusammenhang der mehr mit ihrer kulturellen Nutzung zu tun
hat, als mit Ihrer Archivierung alleine. Die Technik der Archivierung
und die Ordnung der Archive ist darin ein Hilfsmittel, das sehr wohl
auf die Kultur der Benutzung von Bildern, also auf die visuelle Kultur
Einfluss hat; ein Archiv erzählt aber keine Geschichten, außer
vielleicht seiner eigenen. Die Encyclopaedia Cinematografica
Das Projekt der Encyclopaedia Cinematographica geht auf das Institut
für wissenschaftlichen Film zurück, das ab 1952 zunächst in
Deutschland, dann unter Federführung des Verhaltensforschers Konrad
Lorenz als internationale Organisation den Versuch unternahm, ein
umfassendes Archiv der Bewegungsvorgänge zu erstellen. Vorhanden sind
etwa 4000 Filme aus diesem Bestand. Eine Matrix sollte die
Bewegungsformen aller Gattungen erfassen und diese exemplarisch als
Bewegungspräparate von ca. zwei Minuten Länge darstellen. Es
war die Idee, anstelle von gestalteten Filmen sehr reduzierte
Themenstellungen auf Film zu bannen. Also nicht den ganzen Lebenszyklus
einer Spezies in einem Film zu behandeln, sondern je einen
Bewegungsvorgang einer Spezies. Zum Beispiel: Wie läuft ein Pferd? Und
dann ein anderer Film: Wie steht ein Pferd? Und dann noch ein Film: Wie
frißt ein Pferd? Und wenn man das für jede Spezies macht, dann kommen
am Ende einfache Filmentitäten heraus, die in einer bestimmten
Vollständigkeit enzyklopädischen Charakter hätten. Die Struktur war die
einer Matrix: Sämtliche Spezies, die es auf der Welt gibt, und dann
sämtliche Bewegungsarten, zu denen sie fähig sind (natürlich fliegen
Pferde zum Beispiel nicht, dafür aber viele Vogelarten). Und diese
Matrix sollte entsprechend ausgefüllt werden, also über alles, was ein
Pferd machen kann, wird ein Film hergestellt. Natürlich nicht nur über
die Tierarten sondern auch über die Pflanzenarten, den ethnografischen
oder später den technischen Bereich, man denke an die mechanische
Beanspruchung von Stahl und so weiter. Wenn man all diese Dinge in die
Matrix gebracht hätte, dann wäre das die Enzyclopaedia Cinematografica.
Die filmischen Einheiten der EC wurden als Kinematogramme bzw. anfangs
als Bewegungspräparate bezeichnet. An diesem Begriff des Präparats, das
ja etwas präpariertes also nicht Lebendiges bezeichnet, kann der Wunsch
abgelesen werden, jenen Bereich des Lebens, der der genauen
wissenschaftlichen Observation und Kontrolle bislang entglitt, die
Bewegung endlich zugreifbar zu machen. (FILMBEISPIEL)
In "Research Film", dem dreisprachigen Zentralorgan der EC schreibt
Wolfgang Wickler 1964: "Seit Gründung der Encyclopaedia
Cinematographica ist immer wieder betont worden, die Filme seine
Dauerpräparate der vergleichenden Verhaltensforschung und überhaupt
jeder Forschung, die sich mit Bewegungsabläufen befasst. Wo der
vergleichende Anatom einen Knochen aus der Schublade oder ein Organ aus
dem Formoglas holt, greift der vergleichende Verhaltensforscher
zur Filmrolle, auf der die Bewegungsweisen konserviert sind."
Wir haben es hier also mit einem Frühbeispiel einer filmischen
Enzyclopädie zu tun, die auch wenn nur etwa 4000 Einheiten tatsächlich
produziert worden sind, von ihrer Struktur her die vollständige
Abbildung der Welt im Archiv anstrebt. Der Gründer der EC Gotthard Wolf
wird mit den Worten zitiert: "Wer hindert uns daran, hunderttausende
solcher filmischer Einheiten zu produzieren?". Die Welt wird also
segmentiert in Gattungen und die Grundmuster ihrer Bewegungsformen. Die
einzelnen Lexeme dieser Enzyclopädie setzen sich aus einer Spezies und
einer Bewegungsform zusammen, also aus einem Subjekt und einem Verb. So
in etwa wie Pferd-laufen, oder Storch-fliegen etc. In gewisser Weise
entspricht dieses Projekt also dem angesprochenen Lexikon filmischer
Topoi. In der Theorie der Gremien der EC wird diese
Auffassung als lexikalische Konzeption bezeichnet. Die lexikalische
Konzeption geriet jedoch unter der Hinzuziehung von modelltheoretischen
Überlegungen in einen Erklärungsnotstand, der auch für das Lexikon
filmischer Topoi interessant sein könnte: Man kam darauf, daß die
Abbildungstreue einer fotografischen Abbildung zwar hoch ist, der
Begriff des Wirklichkeitsgehalts aber eigentlich verfehlt. Das heißt,
daß ein Film über ein laufendes Pferd die Situation des aufgenommenen
Pferdes zwar ziemlich genau abbildet, der Film aber vieles
Undefiniertes mittransportiert, als nur die reine Definition des
Pferdeganges. Daher gab es Stimmen in den Gremien der EC, die
neben der lexikalischen Konzeption, auch eine museale Konzeption der EC
für möglich hielten. Und obwohl die Mitarbeiter der EC dabei als Bild
ein Naturhistorisches Museum in Form einer wissenschaftlichen Sammlung
vor Augen hatten, kann man die Anregung aufnehmen und die Frage
stellen, ob es sich bei dem hier vorgeschlagenen Lexikon der
filmischen Topoi, nicht auch oder gar zutreffender, um ein Museum der
filmischen Topoi handeln würde.
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